13 Fragen der Rheinischen Post an die Bürgermeisterkandidatin

Bitte stellen Sie sich doch kurz vor. Wer sind Sie – und was macht Sie aus?

Ich bin Sandra van der Zweep und bin 1973 in Düsseldorf geboren und in Neuss aufgewachsen. 1988 bin ich mit meinen Eltern nach Venlo gezogen. Für mich als 15jährige war der Umzug zunächst ungewohnt, aber ich habe mich dort schnell eingelebt und dort meinen Haupt-, Real- und Gymnasialschulabschluss gemacht.

Danach habe ich Internationale Betriebskommunikation an der Universität in Nijmegen studiert. Nach meinem Studium habe ich mit meinem Mann in Aalsmeer eine Familie gegründet. 2015 sind wir nach Deutschland gezogen und haben in Nütterden unser Zuhause gefunden. Unsere zwei Kinder gehen in Kleve zur Schule.

Seit 2006 arbeite ich bei Rijkswaterstaat, einer niederländischen staatlichen Behörde des Bundesverkehrsministeriums. Wir sind verantwortlich für den Betrieb, Erhalt sowie den Aus- und Neubau von allen Autobahnen, Bundesstraßen, Bundeswasserstraßen und Anlagen wie Schleusen, Brücken. Ich arbeite als Referentin in der Krisenkommunikation und Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ich bin verantwortlich für die Erstellung der Kommunikationsstrategie und deren Fortschreibung bei Projekten. Die Anwohner und Interessengruppen werden in einem sehr frühen Stadium informiert. Je nach Projekt wird für die unterschiedlichen Projektphasen eine maßgeschneiderte Bürgermitwirkung organisiert. Über die Presse wird die breite Öffentlichkeit informiert. Eine andere Aufgabe ist die Krisenkommunikation, wozu ich alle 7 Wochen eine Woche lang einen Krisen- und Bereitschaftsdienst leiste.

Was ist Ihr wichtigstes Thema im Wahlkampf – und wie wollen Sie es anpacken?

Ich will, dass die Bürger und Bürgerinnen wieder Vertrauen in das Handeln der Verwaltung und der Politik bekommen. Das gelingt jedoch nur, wenn die Verwaltung transparenter über Entwicklungen kommuniziert und eine Mitwirkung von Bürgerinnen und Bürgern zulässt. Der Zeitpunkt ist ebenso wichtig. Je früher und offener dieser Prozess beginnt, umso größer ist die Zustimmung in der Bevölkerung und Konflikte werden verhindert.

Um dies zu erreichen, braucht es ein offenes und vertrauensvolles Betriebsklima innerhalb der Behörde. Konstruktive Kritik und Anregungen müssen ohne Vorbehalte in beide Richtungen möglich sein. Diese Kommunikationskultur muss in der Verwaltung gelernt und gelebt werden, damit wir das in der Gemeinde etablieren können. Vertrauen in die Politik wächst, wenn politische Parteien und deren Amtsträger integer handeln. Ratsmitglieder müssen unabhängig sein. Ein Interessenkonflikt eines Ratsmitgliedes muss ausgeschlossen werden. Nur so schafft man das nötige Vertrauen; und das wird von den Bürgerinnen und Bürgern ohne Ausnahme erwartet.

Aus welchem Fehler haben Sie schon einmal gelernt?

Nicht zu schnell die Munition verschiessen. Unser Wahlprogramm zum Beispiel steht seit April auf unserer Webseite. Die Konkurrenz liest mit und verwendet mittlerweile unsere Begriffe in den Medien.

Sehen Sie Möglichkeiten, dem ÖPNV in der Kommune neue Impulse zu geben?

In Kranenburg, mit den dazu gehörenden Dörfern, leben wir auf dem Land. Individualverkehr wird weiterhin eine große Rolle spielen. Die Angebote mit dem kommunalen Bürgerbus können ausgebaut werden. Ganz wichtig ist der Ausbau des Radwegenetzes in Kranenburg. Es muss attraktiv und sicher sein, in Kranenburg mit dem Rad zu fahren.

In Kranenburg werden regelmäßig neue Baugebiete erschlossen, um Familien anzusiedeln. Ist der aktuelle Stand ausreichend?

Hier müssen wir beginnen anders zu denken. Das Interesse an bezahlbarem Wohnraum ist nach wie vor hoch. Das jedoch nur mit der Erschließung von neuen Baugebieten zu bedienen ist nicht nachhaltig, denn wir haben in Kranenburg freie Kapazitäten im Ortskern, die veröden und durch die schlechten Wohnbedingungen für die Leiharbeiter zum sozialen Brennpunkt werden. Hier müssen wir viel mutiger rangehen und das Wohnen im Ortskern attraktiv machen für junge Leute mit dem Förderprogramm „Jung kauft Alt“. Das gleiche gilt für ältere Leute, die sich iinteressieren für generationenübergreifende und gemeinschaftliche Wohnformen. Der Neubau besonderer Wohnformen für ältere Menschen wird in Wohnungsbauprogrammen gefördert.

In diesem Zusammenhang möchte ich aus einer Studie des Institutes der deutschen Wirtschaft aus dem Jahr 2019 zitieren. Zum Bereich der Nachhaltigen Siedlungsentwicklung wird angeführt:

„Fazit. Wohnungsleerstand ist eine große gesellschaftliche Herausforderung. Trotz starker Zuwanderung der letzten Jahre sind Leerstände in vielen Kommunen sehr hoch. Angesichts der demografischen Veränderungen werden die Leerstände weiter steigen. Damit sind gesellschaftliche Probleme verbunden, da Leerstände Abwärtsspiralen auslösen können, an deren Ende Stadtviertel oder Dörfer kaum mehr lebenswert sind. Daher ist es wichtig, frühzeitig gegenzusteuern. Zum einen sollte neues Bauland nur restriktiv ausgewiesen und zum anderen die Innenentwicklung gezielt angeregt werden. Dabei ist festzuhalten, dass Investitionen ausdrücklich erwünscht sind, um Perspektiven für die verbleibende Bevölkerung zu erhalten. Um Leerstand zu vermeiden, müssen aber die Investitionen in den Bestand gelenkt werden. Der sparsame Umgang mit Freiflächen ist aus vielerlei Gründen richtig. So dienen Freiflächen dem Erhalt des Ökosystems und der Landwirtschaft. Zudem nehmen bei steigender Siedlungs- und Verkehrsfläche und gleichzeitig konstanter oder sinkender Bevölkerung die Infrastrukturkosten pro Kopf zu. Dies führt zu höheren Beiträgen und Gemeindesteuern.“

Das Institut der Deutschen Wirtschaft kommt hier zu der eindeutigen Feststellung, dass Zersiedelung und Bauen auf der „grünen Wiese“ nicht nur ökologisch nachteilig ist, sondern mittelfristig auch wirtschaftlich nicht sinnvoll ist.

Wie wollen Sie die Situation des verödeten Ortskerns verbessern?

Jeder, der am Samstag durch die Große Straße geht oder fährt, kann es förmlich spüren. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, dann ist der Ortskern verloren. Es ist schon beschämend mitanzusehen, wie sich der privat organisierte Initiativkreis um das Ansehen des Ortskerns kümmern muss. Rat und Verwaltung haben bisher nicht viel zu bieten. Gemeinsam mit den anderen im Kreis betroffenen Gemeinden müssen wir uns um die Situation mit den Leiharbeitern kümmern. Hier müssen wir in enger Abstimmung mit dem Land zu entscheidenden Verbesserungen kommen. Auf kommunaler Ebene müssen wir dafür sorgen, dass die Leute menschenwürdig untergebracht werden.

Im nächsten Schritt muss der Durchgangsverkehr aus der Großen Straße verschwinden. Der bringt den noch verbliebenen Geschäften nichts, sondern macht den Ortskern unbewohnbar und unattraktiv.

Der historische Ortskern hat Potenzial, doch so wie es jetzt ist, geht das verloren. Der Ortskern soll zum Verweilen und Genießen einladen. Durch gutes Marketing und Kreativität möchten wir den Ortskern für den Besucher und die Einwohner attraktiver gestalten.

Wie beurteilen Sie die Infrastruktur in Ihrer Kommune auch digital – und wo wollen Sie dieses Thema vorantreiben?

Die Verkehrsinfrastruktur kann man mit einem Wort beschreiben: katastrophal!

Wer sich am Wochenende in das Abenteuer Einkaufsmärkte begibt, zwischen den Ortschaften Fahrrad fährt oder sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Große Straße wagt, der kann es am eigenen Leib erfahren. Es is gefährlich. Die Infrastruktur muss so dimensioniert sein, dass sie den Verkehr sicher und flüssig lenkt. Eine erste Maßnahme für die Verbesserung der Fahrradinfrastruktur zwischen den Ortschaften ist einen Radfahrstreifen einzurichten. Hier wird mit einer durchgezogenen weißen Linie die Fahrbahn für Fahradfahrer getrennt von der Fahrbahn der Autofahrer. Allerdings muss die gesamte Verkehrsinfrastruktur in der Gemeinde überprüft werden. Zusammen mit den Behörden, Interessengruppen und interessierten Einwohnern muss ein neues Konzept erarbeitet werden.

Der Ausbau des Glasfasernetztes ist der richtige Schritt gewesen. Die tatsächliche Umsetzung verlief jedoch nicht störungsfrei. Die erforderlichen Erdarbeiten wurden nicht immer fachgerecht ausgeführt und müssen teilweise nachgebessert werden.

Ein dunkles Loch ist noch die schlechte Mobilfunksituation in der Gemeinde Kranenburg, diese Probleme wird die Gemeinde nicht lösen können, hier ist Gesprächsbedarf mit den Netzbetreibern, dem Bund und Land gefordert.

Viele junge Familien beschäftigt erheblich, ob ihr Kind einen guten Kita-Platz bekommt – und wie es danach auf den Schulen weitergeht. Was macht Ihre Kommune da schon richtig und wo muss dringend nachgebessert werden?

Hier hat sich der Rat und die Verwaltung als ideenlos präsentiert. 30 % der Einwohner von Kranenburg sind Niederländer, wir bekommen eine immer größer werdende polnische Gemeinschaft. Von den bisherigen politischen Verantwortlichen gibt es zu dieser Entwicklung keine Antworten. Wieder war es eine private Initiative, die den Beginn der Euregio Realschule möglich gemacht hat. Kranenburg ist gelebtes Europa. Es reicht nicht, den Niederländern (für ihre Verhältnisse) günstiges Bauland zu verkaufen und sie hier günstig einkaufen zu lassen. In Kranenburg können wir mehr. In Kranenburg haben wir die Chance, das Beste von beiden Seiten zusammenzubringen und Europa zu leben. Die Menschen, die es dazu braucht, sind schon da. Wir müssen ihnen nur eine Plattform geben, das auch auszufüllen.

Muss nach weiteren Entwicklungsmöglichkeiten gesucht werden, um Kranenburg für niederländische Käufer noch attraktiver zu machen?

Wir sollten es schaffen, dass die Niederländer nach ihrem Einkauf in der Einkaufsarena in Kranenburg verweilen wollen und im Ortskern entsprechende Angebote an Kultur und Gastronomie erhalten und nutzen.

Werden Sie in Ihrer Amtszeit das Thema „Windkraft im Wald“ noch einmal anpacken?

Mit mir wird es keinen Windpark geben im Reichswald. Der Wald braucht unseren Schutz.

Das Feuerwehrhaus in Kranenburg weißt nach einem aktuellen Gutachten erhebliche Mängel auf. Befürworten Sie einen Neubau oder eine Sanierung im Bestand?

An einem Neubau geht kein Weg vorbei. Eine Renovierung würde langfristig dem Bedarf nicht gerecht werden und müsste wohlmöglich in einigen Jahren erneut angegangen werden. Jetzt einmal richtig machen, spart langfristig Geld.

An welchen Stellen kann die Gemeinde neue Einnahmequellen generieren?

Wir wollen die nachhaltige Produktion und Vermarktung regionaler Produkte zu fairen Preisen unterstützen. Die Wiederbelebung des Ortskerns ist eine weitere Quelle. Des Weiteren wollen wir alle öffentlichen Gebäude mit einer wirtschaftlichen Photovoltaikanlage ausstatten. Wir sollten alle Förderprogramme nutzen, die das Land und der Bund zur Verfügung stellen, um den Haushalt und die Rücklagen zu schützen.